Ein Haus aus "Müll"

Ehemalige Saunabänke schmücken das Eingang. Kronkorken wirken als Mosaikersatz. Ausgediente Jutesäcke dienen als Fassadendämmung. Historische Ziegelsteine, geborgen beim Abbruch einer alten Scheune, erzeugen als Innenwand mediterranes Flair. Ausrangierte kunststoffbeschichtete Spanplatten, die im ersten Leben Teil eines Messestands waren, wurden zu Wand- und Küchenschränken verbaut. Und auf einem Teil der Zimmertüren prangert noch die Werbebotschaft eines Messebau-Kundens im knalligen Zyan. Ein gesammelter Haufen “Müll“, aus dem auf dem Kronsberg Deutschlands erstes und einziges Recycling-Haus erwachsen ist – nach den Entwürfen von Architekt Nils Nolting/Architekturbüro Cityförster und im Auftrag das hannöverschen Bauunternehmens Gundlach.

Ein experimentelles Pilotprojekt, bei dem Material durch Intelligenz ersetzt wurde und zu dem Hartmut Zeissig mit seinem Messebauunternehmen reichlich „Füllstoff “ beigetragen hat: hölzerne Bauteile von Messeständen, die normalerweise geschreddert, dann in Silos ein- gelagert, in den Wintermonaten verheizt werden und so fossile Brennstoffe ersetzen – das ist gut, ein echtes Recycling ist aber in jedem Falle nachhaltiger. Und genau das ist auch das zentrale Thema bei dem Recyclinghaus.

Die Bauindustrie ist der mit Abstand größte Abfallproduzent und Verbraucher von Ressourcen. Bei der energetischen Betrachtung wird immer nur der Energieverbrauch im Alltagsbetrieb betrachtet, niemals die Gesamtbilanz, die bei der Herstellung der Baustoffe beginnt und letztlich beim Abriss des Gebäudes endet. Das 160 qm große Einfamilienhaus aus recycelten Material ist komplett rückbaubar, weil die massiven Schichtholzplatten komplett leimfrei zu Wandelementen verschraubt sind. Damit liefert das Gebäude als angewandtes Forschungsprojekt einen Beitrag zum Nachhaltigkeitsdiskurs und zur Debatte über eine Ressourcenwende hin zum „urban-mining“. Auch der Messebau ist nach wie vor bekannt als Wegwerfbranche. Vielfach werden ganze Messestände nach dem „Show-Auftritt“ entsorgt. Zeissig hat schon frühzeitig damit begonnen, der Wegwerfkultur früherer Jahre durch eine innovative Ausstellungsarchitektur auf Basis wiederverwendbarer, modularer Bauteile zu begegnen und mehrfach nutzbare Miet-Messe-Stände im Baukastenprinzip für Kunden zu fertigen. Dennoch bleiben immer Resthölzer übrig, werden Bauteile irgendwann ausrangiert. Darauf hat auch Architekt Nils Nolting spekuliert, als er sich an Zeissig wandte.

„Wir haben dann unsere Läger durchforstet und zahlreiches Material als Recycling-Baustoff zu dem Projekt beigesteuert“, sagt Hartmut Zeissig. Die kunststoffbeschichteten Spanplatten, die als Wandvertäfelung, Fensterleibung und als Möbelbaustoff Verwendung fanden, waren ehedem die Rückwand eines Messestandes. Polysterol-Glasplatten aus dem Messebau wurden zu Badezimmerspiegeln. Und wasserbeständige Bodenverlegeplatten wurden als Unterkonstruktion für die Fußböden verwandt. Ursprünglich sollte das experimentelle Wohnhaus bis auf die Haustechnik zu 100 Prozent aus Recycling-Material gebaut werden – das klappte nicht ganz. Weshalb auch Teile aus Über- oder Fehlproduktion verwendet wurden, die ansonsten in den Müll gewandert wären. 2015 entschied sich Gundlach, das ungewöhnliche Projekt zu starten, um den Beweis anzutreten, dass es möglich ist, aus „Abfällen“ ein energetisch wie architektonisch zukunftsweisendes Gebäude zu bauen. Die Bauarbeiten begann 2018 und wurden im Juni 2019 abgeschlossen. Anfang Juli ist eine Familie eingezogen, die das Haus längerfristig gemietet hat.

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